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  • Slavica Vlahovic

Frühstücksei- Vom satten Leben


Mein deutscher Gatte legt sehr viel Wert auf ein gutes Frühstück. Vor allem auf ein perfekt gekochtes Frühstücksei.


Ich liebe gutes Essen und schräge Typen. Aber Kochen? Nein. Da bin ich eine völlige Niete. Obwohl ich die besten Lehrer der Welt haben könnte. Oder: vielleicht deswegen…


Deswegen ist das Frühstück von Anfang an exklusiv meine Sache.

Meine Freundin glaubt, ich sei sehr schlau, weil es zum Frühstück keine fünf Gänge braucht und es viel leichter hinzuzaubern ist als z. B. ein Abendessen,

und ich danach von ihm alles verlangen kann.

Ich glaube, sie versteht es nicht.

Er genießt es so sehr, noch ein Weilchen im Bett zu bleiben,

um sein gelungenes Leben mit mir vor seinen Augen vorbei ziehen zu lassen,

während ich für alle seine sieben Sinne in der Küche fleißig tanze.

Er ist inzwischen von meiner Kunst bezaubert.

Vor allem wie ich den grünen Tee koche.

Das konnte nicht einmal seine Mutter.

Bei ihr trank er Tee nur, wenn er krank war, sagt er.

Bei mir darf er es jeden Tag.

Genauso darf er mein Müsli mit frischen Zwetschgen und Minze kosten.


„Doch das Frühstücksei ist die Krone eines guten Frühstücks“, sagt mein deutscher Mann.

Ein Ei ist für ihn viel mehr als leckeres Essen.

In einem Frühstücksei stecke das Geheimnis einer Frau, meint er und klopft schon auf sein frisch gekochtes Frühstücksei.


Voller Neugier und Aufregung gräbt er immer tiefer.

Ich studiere - nicht weniger aufgeregt- seine Mimik,

um herauszufinden, wie er heute zu mir steht.

Ist das Frühstücksei gut,

- und das kommt immer wieder vor -,


ist mein und sein ganzer Tag gerettet.


Er schaut zu erst mir und danach allen seinen Hindernissen

optimistisch in die Augen,

klopft seinen Feinden auf die Schultern

und ist sofort bereit, ihnen und sich selbst alle Sünden zu vergeben.


Was soll das Jammern und die ewige Unzufriedenheit

wenn das Frühstücksei schon morgens so perfekt gekocht ist.


Ist aber das Frühstücksei hart


- und das kommt immer wieder vor, -


einfach so, unerklärlich, von alleine

dann: ‚Pass auf meine liebe Frau’, denkt sich mein deutscher Mann

und mustert mich ganz streng von oben bis nach unten,

sagt aber nichts.


Er muss mir auch nichts sagen.

Ich weiß ganz genau, was er meint, wenn er mich so anschaut.

Ich schaue sofort zurück.

Damit er sich nicht etwas einbildet.

Und sage auch nix.

Den Tag werden wir irgendwie überstehen,

trotze ich halt dem grauen Himmel am Horizont.


Wird das Frühstücksei zu weich


-und das kommt immer wieder vor –


einfach so, ohne einen Grund, ganz von alleine weich,

dann will mein deutscher Mann sofort wissen:


"Was ist mit dir heute los? Warum bist du so ungeduldig?“

"Nix“, sage ich und salze ihm sein Frühstücksei noch einmal.

"Eine Frau muss wie ein Ei sein - weich und salzig - wenn sie verliebt ist“,

versuche ich den Tag zu retten.


Zu weich, zu hart, mein Gott, was ist schlimmer? Das weiß ich nicht.

Dabei - muss ich deutlich sagen -

das Frühstücksei auf den Punkt zu kriegen, hängt nicht immer

von meinem Gefühl zu meinem deutschen Mann ab.

Jedes Ei ist anders.

Eines ist zu groß, das andere wiederum zu klein,

eines kommt von glücklichen Hühnern, das andere vom Aldi,

eines braucht viel Hitze, das andere kaum.

Das alles ganz genau vor Augen zu halten,

und so früh.


Zu viel!



Manchmal habe ich überhaupt keine Lust auf die ganze Eiphilosophie

und versuche mich, mit einem bosnischen Frühstück zu retten.

Getrockneter Schinken, deftiger Käse und Slivovitz.

Kein Ei.

Ein Frühstück ohne Ei - das ist das Schlimmste für meinen deutschen Mann.

Er reibt sich die Augen, dreht sich herum und schaut mich misstrauisch an:


"Was ist mit dir los? Hast du heute etwas zu verbergen?

Wo ist mein Frühstücksei?"


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