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  • Slavica Vlahovic

Muttermilch

Das Baby steckte sich Erde, Sand, Gras, Ameisen, Kakerlaken, Hühnerkot, sogar seine eigenen Babypopel in den Mund bevor es die Grundgeschmäcke: süß, salzig, sauer, scharf, bitter oder bittersüß entdeckte. Mutig schnupperte es gierig an allem, was um es herum lag. Stoisch nuckelte und saugte es im Garten auf einer Decke an den ekelhaftesten Dingen und es überlebte mit Schnalzen und Schmalzen seine ersten Abenteuergeschmäcke dieser Welt. Nur eines schien das Baby überhaupt nicht zu mögen: die Muttermilch!

Sobald seine Mutter ihre Brust auspackte und die Warze in seinen Mund steckte, verging keine Minute bis das Baby, rot im Gesicht, zu schreien begann. Es brüllte als wollte es seine Seele aus dem Hals herausreisen. Seine arme, vom Babyschreien erschreckte Mutter schwitzte, zitterte, verzweifelte und fragte sich ratlos, was mit ihrem Baby bloß los sei, warum ihm die Muttermilch so schmerze.



Sie versuchte das Baby zu beruhigen, zärtlich drückte sie es an ihren Leib, das Baby schmiegte sich an sie, seine Schreie wechselten ins Schluchzen. Die Mutter packte wieder ihre Brust aus dem Körbchen, das Baby runzelte die Stirn, biss gierig in die Warze und nach zwei Minuten begann es erneut zu schreien.

Manchmal schrie das Baby die ganze Nacht durch. Die Mutter, ermüdet und ratlos, streichelte und küsste das kleine schreiende Wesen solange bis es sich beruhigte und versuchte es erneut zu füttern. Vergebens.

In den langen schlaflosen Nächten vergoss auch die Mutter literweise bittere Tränen, die manchmal ein kleines Wunder bewirkten: das Baby beruhigte sich, hob sein Kopf und starrte die weinende Mutter an und begann dann ihre Tränen aufzulecken. Die salzig, bittere Flüssigkeit aus ihren Augen schienen dem Baby zu schmecken.

Kurz vor Sonnenaufgang, nach dem das Baby die letzten Tränen seiner Mutter gründlich aufgesogen hatte, schlief es selig an der Brust seiner eingeknickten Mutter ein.


Die verzweifelte Mutter schleppte ihr fast vier Monate altes Baby, ein dürres Allfressmonster, das die ungenießbarsten Dinge in sich stopfte, nur ihre Milch kategorisch ablehnte, zu ihrer letzten Hoffnung - zur ihrer eigenen Mutter.


Die Frau, die 11 Kinder auf die Welt gebracht hatte und weit über die Dorfgrenzen für ihre ruhige Art, Weisheit und ihre Zauberei bekannt war, küsste ihre besorgte Tochter und das schreiende Kind, kochte einen Mokka, holte aus dem Schrank zwei Kaffeetassen und eine Zuckerdose, nahm das wütende Baby auf den Arm und versuchte es mit einem Wiegelied zu beruhigen. Das Kind starrte die ältere Dame mit den zusammengepressten Lippen an und begann wieder zu quietschen. Die Großmutter nahm aus der Zuckerdose ein Zuckerwürfel und steckte es ihm in den Mund.

Und ein Wunder passierte: Das Baby hörte sofort auf zu schreien. Es leckte genüsslich das Zuckerstück, lutschte und schleckte es gierig von allen Seiten wie noch drei weitere in weniger als zwei Minuten. Dann schief es ein.


Die Diagnose der Großmutter, so erstaunlich wie einleuchtend, stand fest:

Das Baby sei völlig gesund, nur fürchterlich hungrig!


Die Mutter staunte und verstand schlagartig ihr ganzes Unglück. Statt in der Stadt mit ihrem Mann zu wohnen, womit sie fest gerechnet hatte, als sie ihn, den armen Städter zwischen all den reichen Verehrern, Söhnen der großen Landbesitzer, ausgewählt hatte, hockte sie nun mit ihrem schreienden, ewig hungrigen Baby Tür an Tür mit den Schwiegereltern in einem Einödhof in den bosnischen Bergen, und wartete wie Penelope auf ihn, den Helden, der bevor das Kind auf die Welt kam, über ihr Schicksal entschieden hatte. Er, der ehrgeizige Bauersohn aus ganz kleinen Verhältnissen, hatte sich in der Stadt eine Position als Maurerpolier erarbeitet, nun will er in der Stadt ein Haus bauen und dann, wenn er so weit sei, sie, seine Frau, die schöne, kluge Tochter eines reichen Bauer, dort zu seine Herrin machen. Solange müsse er hart in der Stadt schuften und sie, die Mutter seiner Tochter, sich eben gedulden und seine Eltern ehren und ihnen dienen.

Sie, seine Frau, kriegte keine Luft, schaute ihn schweigsam an, traute sich nicht, ihm wiederzusprechen.



Peperoni


Vom ersten Tag an verfolgt die Schwiegermutter jeden ihren Schritt in dem Haus auf dem Berg. Als sie ihrem schreienden Baby Kuhmilch geben will, wird sie beschimpft. Mindestens sechs Monate müsse das Baby nur von Muttermilch ernährt werden. Basta.

Der kleine schreiende Wurm schrie wie ein Löwe um sein Leben. Aus der Warze der Mutterbrust kann das Baby nur ein paar Tröpfchen Milch aussaugen. Die Brust der Mutter ist so leer wie eine vertrocknete Oase in der Wüste. Wie ihre enttäuschte Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt.

Das Kind, immer dürrer und wütender vom vergeblichen Nuckeln und Lutschen, wäre fast verhungert, hätte ihm die zweite Großmutter kein Zuckerwürfel gegeben und die klare Diagnose verpasst.


Nach dem Zuckerwürfel, folgten die nächsten Experimente. Tante Franka, die vier Jährige jüngste Schwester seiner Mutter, steckte dem Baby eine saure Gurke in den Mund und beobachtete neugierig, wie die Gurke von allen Seiten gelutscht wird und die komischsten Babygrimassen verursacht, die sogar die traurige Mutter zum Lachen bringt.

Am nächsten Tag steckte der achtjährige Onkel Mirko dem Baby eine Peperoni in den Mund. Zuerst biss der Junge auf die scharfe Peperoni und schrie als hätte er sich die Zunge verbrannt. Das Baby schaute ihn mit großen Augen an, er schob die rote Schote langsam Stück für Stück in den Baby-Mund. Das Kind nuckelte kurz an dem scharfen Zeug, streckte die Zunge heraus, überrascht von dem unbekannten Geschmack, ließ die Zunge hin und her tanzen und verschluckte es- Aus seinen beiden Ohren dampfte es, Tränen flossen ihm aus den Augen, doch das Baby schrie nicht. Stoisch nagte es und schluckte weiter das scharfe Stück Peperoni, bevor es tief einschlief.


Genau hier beginnt die Karriere einer später berüchtigten scharfen Zunge, die im satten Leben immer neuen Hunger aufspürt, Lügen entdeckt und sie laut zur Schau stellt.


Die scharfe, ewig hungrige Zunge, eine wilde Geografie voller tiefer Gräben, hoher Berge, weiter Täler, ertrotzt schon in den ersten Lebenswochen ein sattes Erleben des kleinen Wesens, schaltet seine feine Sensoren wie ein Lügendetektiv an, um die echten, guten und wahren Geschmäcke von den falschen, bösen, und falschen unterscheiden zu können und graviert sie tief in allen Sinnen ein. Sein Glück und der Fluch zugleich.


Mit jedem neuen Geschmack wird das inzwischen schon längst satte Leben des früheren Kindes hungriger. Kein Zuckerwürfel, keine Sauergurke, keine Peperoni, kein Brot, kein Kajmak, Pita, Apfel, Cevapcici, Sauerkraut, Olive, Krabben, Ingwer, Bier, Wein, Whisky...keine Kräuter, keine Pilze, kein Marihuana, keine Schlaftabletten werden den Appetit des nach neuen Geschmäcken inzwischen süchtig gewordenen Baby von damals jemals stillen können. Denn was kann schon gegenüber diesen naturwüchsigen Geschmackslandschaften, den tausenden Aromen aus den weiten Wiesen, Wäldern und Bergen bestehen...

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