DIE  GLÜCKSTESTERIN

 Glück per Mausklick

 

Der Glücksmuskel

 

Glück ist ansteckend! Und: Glück kann man trainieren, sagen die Glücksforscher.

Gleich will ich es testen. Meinen Glücksmuskel trainieren: ich dehne meinen Mund von einem Ohr zum anderen und spüre sofort wie Serotine und Dopamine in meinen Körper Salsa zu tanzen beginnen. Die Straße ist breit, mein Gang selbstbewusst, die letzten Spuren des Unglücks verjagt.  Genau in diesem Moment laufen mir zwei ältere  Damen, dürr, strenger Blick, tiefe zornigen Stirnfalten, über den Weg. Ich strahle sie an. Sie glotzen irritiert zurück, ihre scharfe Zunge verstummt. Ich ziehe den Mund noch ein Stück weiter, will sie mit meinem angeklebten Glück gerne anstecken. Doch statt Lächeln verkrampften sich ihre Lippen in zwei dünnen Linien, in der Mitte giftspukende Düsen, die mich zum Teufel jagen, bevor sie mir den Rücken zeigen.

Ich erblasse, bleibe stehen, mein Lächeln erfriert.

«Was habe ich, die glücksgedopte Fee, bloß falsch gemacht?» 

Doch dann naht meine Rettung. Eine genervte, junge Mutter. In ihrem Arm zwei strahlende Augen. Ein  Baby, kleiner als meine erste Puppe, dreht sich zu mir und jauchzt, als es mein Lächeln sieht. Wir sind glücklich. Auch wenn ich das Gefühl nicht los werde, gerade ausgelacht zu werden. Von dem Kind.

 

Die Glücksversprecher

Ohne Berater, Trainer, Coaches und Heiler aller Art scheint  jetzt, wo die Welt ins Wanken geraten ist, nichts mehr zu funktionieren. Die „Glücksversprecher“ erobern den Markt. Schätzungsweise arbeiten allein in Deutschland weit über 35 000  Coaches und Berater ohne Qualifizierung!  Tendenz steigend! Ist die Suche nach Glück schon zu einer „to be or not to be“ Frage mutiert?

Die Suche nach Glück ist kein neues Phänomen. Gurus, Zauberer und Scharlatane gab es auch früher, in der analogen Zeit genug! Doch die Explosion der Glücksversprecher-Angebote  heute, ihre weltweite Vernetzung, ihre Millionengeschäfte, die sie am Unglück verunsicherter Menschen verdienen, wäre ohne Digitalisierung in diesem Ausmaß vielleicht nicht möglich!

Glück per Mausklick

Wir leben längst in einer digitalen Scheinwelt. Nichts  ist mehr  so wie es aussieht. Wahrheit und die Lüge stehen nebeneinander. Die Deflation der alten, guten Werte,  wie Vertrauen, Sicherheit Zuverlässigkeit, Bildung, Gelassenheit, Gesundheit,  Stabilität, die  die Digitalisierung mit sich bringt, ermöglicht den Glücksjägern und Scharlatanen aller Art, sich im Netz mit der Geschwindigkeiten von „Fake News“  zu verbreiten.

Man muss nur die Begriffe  „Effizienz“ und „Selbstoptimierung“  als modernes Paradox entlarven. In diesen Worten spiegelt sich die ganze Absurdität der Krise wider. Wie kann man bei dieser ständigen "Selbstkontrolle", „Effizienzsteigerung“ und „Selbstoptimierung“ erfolgreich und entspannt „zu sich finden“, was umgekehrt die Voraussetzung für den "Erfolg" ist ?  Die Krise ist vorprogrammiert! Und: je mehr Krise desto mehr Glücksversprecher! Sie sind allgegenwertig und versprechen alles: Wunder! Das Glück per Mausklick.

Das Glücksnarrativ

Das Glück wirkt wie Hypnose! Packen die „Glücksversprecher ihre wirksamste Waffe: ihre eigenen Niederlagen, ihr  klein-, krank-, krumm- Drama – sind wir sofort gefesselt. In uns, in unserem Unglück, steigt das Adrenalin, wir zittern mit, auch wenn jeder weiß: dunkel muss es sein, bevor der Held die Bühne betritt.

 Alle Glückskarrieren-Narrative beginnen nach den feinsten Kunstregeln des „Story Tellings - mit der „Selbstermächtigung!“ Der Held wendet sein Drama, dreht sein Schicksal um 180 Grad, erobert sein  Glück mindestens zwei mal. Alles  aus eigener Kraft und setzt dann groß, gesund, gerade seine Heldenreise fort. Der Glücksversprecher ist auf dem Weg zu Dir, mir und dem Rest der Welt, um  uns zu unserem Glück zu verhelfen. Er lädt ein: zu seinen kostenlosen Seminaren! Hier, wo wir sind, im Netz!

Glück auf Augenhöhe

Der Kunde ist der König. Die Glücksversprecher bieten ihm sofort ein Verhältnis auf Augenhöhe! Er muss kein unterwürfiger  Patient sein, der in seinem Drama in hundert Therapiestunden wühlen muss, bevor er sein Leid auskotzt. Auch kein Sünder mehr, der seine Fehler regelmäßig bei einem Priester beichtet und büßt! Die Glücksversprecher sind ganz anders. Der Kunde, der König, muss  nichts tun, er muss sich nur vor den Computer setzen, Zoom anschalten und effizient und erfolgreich zuhören. Und: ruck-zuck verwandeln sich seine Probleme in Lösungen. Leider hält die Wirkung  nicht lange. Vor allem lässt sie schnell bei denjenigen nach, die vergessen haben, ihren Verstand aus-und Intuition anzuschalten. Dann muss ihre Intuition intensiver gecoacht, beraten und trainiert werden. Das kostet Geld, viel Geld, aber der Erfolg ist garantiert. Der Glücksverprecher haftet mit seinem ganzen Vermögen: mit seinem Wort!

Glück, kostenlos!

„Glück“, die rare Ware, ist auf dem Markt schwer umkämpft. Das wilde, seltene Tier wollen nun alle besitzen – hier und jetzt, am liebsten sofort! Die Glückspilze wie ich kriegen es umsonst. Kostenlos serviert im Sozialnetz!

„Nix ist auf dieser Welt kostenlos, Kind!“ meldet sich die Stimme meiner Großmutter.

Ich mag, liebe Oma, keine Besserwisser:innen! Vor allem nicht, wenn sie recht haben!

Ich logge mich ein.  Und: Sofort öffnet sich der virtuelle Raum, das kostenlose Webinar! Vor mir 219 Glücksjäger:innen, wie ich,  glotzen mich an. Ich - fünf Minuten verspätet - sehe mich in einem kleinen Fensterchen, direkt neben dem Glücksversprecher. Oh, wie peinlich.  Doch der junge  Mann im Maßanzug strahlt. Scheint sein Glück kaum zu fassen: 220 Besucher:innen, darunter ich, drei Dr. und zwei Prof. Dr(s). Der Glücksversprecher packt sofort seine drei Bestseller und sieben Zauberformeln, wie man damit Millionen verdient.

Die Glückskekse

Wie der Drogendealer den ersten Schuss, verschenkt der Glücksversprecher nun im Netz seine Glückskekse: Webinare, Bücher, sogar seine Bestseller und eine Menge Tipps & Tricks, wie man mit Verschenken und Verschwenden reich wird.

Kaum zu glauben. Doch das funktioniert!

Die Schnäppchenjäger, wir, lassen kein Angebot liegen.  Egal was es kostet, wie viel Zeit, Energie, Aufmerksamkeit, Gedanken es uns raubt, nehmen wir alles, was auf dem Markt gratis rumliegt. Auch wenn wir gar nicht wissen, ob und wozu wir es brauchen.

Die Glücksversprecher wissen es: Sie kreieren einen AVATAR. Mit Glückskeksen schalten Sie dem Glücksjäger sein Gehirn ab und stehen dann kurz vorm Ziel. Blitz-schnell setzen sie die Reise fort: „Denkt positiv!“, "Denkt erst mal nicht ans Geld!“ „Alles ist erreichbar!“, „Erlaube Dir Heldenziele!“  „Trete ein, um zu gewinnen!“ „Zögere nicht!“„ "Investiere!  Hundert! Tausend! Ab 10.000 Euro verfolgt Dich das Glück. Wie Dein Schatten!"

Der Glücksgaul

Gierig packe ich mein Geschenk aus: in Gold und Glitzer gepacktes Glück, das Bestsellerbuch des Glücksversprechers, für das ich nur Porto bezahlt habe. 4,90!   Sofort schlürfe ich hinein, blättere neugierig hin und her, lese: „Dieses Leben ist keine Generalprobe!“ 

Ja, würde ich auch sagen!

„Es gibt keine unrealistischen Ziele, es gibt nur unrealistische Fristen!“

Na, ja..

„Rette Dich selbst!“

Aha!? Schöne Sprüche, luftig wie leckere Sahne schlucke ich herunter und spüre sofort: statt des versprochenen Glücks nur Luftblasen. Es ist die gleiche süßliche Leere, ein Ekel wie nach Fastfood, gegen das mein gereizter Magen immer mit Knurren protestiert.

"Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul", erinnert mich die spöttische Stimme meiner Großmutter.

„Ziemlich cool der Spruch, liebe Oma. Meinem gratis Glücksgeschenk, das mich immerhin 4,90 Porto gekostet hat, aber auch Zeit, Hoffnung, Vertrauen, schaue ich, die Glückstesterin,  gerne ins Maul!“

Der Glücksverzicht

 

Glück ist Seelenfriede, den man mit  Verzicht erreichen kann. Wer Glück sucht, kommt am Verzicht nicht vorbei. Epikur ist groß gewesen im Verzichten, nie aber ein Verehrer des Verzichts. Er verzichtet nicht auf das Glück, sondern er verzichtet wegen des Glücks, also um des Glückes Willen.

Nehmen wir an, wir sind zu einer Gesellschaft eingeladen, die spannende, anregende Gespräche führt und den guten Wein anbietet. Nun stehen wir vor einer Wahl: werden wir die Gespräche bewusst erleben oder trinken wir lieber den Wein, der  nicht nur anregt, sondern auch müde macht. Auf ein Glück müssen wir verzichten!

Welches Glück bringt uns Seelenfriede: die anregenden Gespräche, die wir bewusst erleben oder der leckere Wein, der uns eher träge macht?