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  • Slavica Vlahovic

Salz, vom ewigen Hunger

Aktualisiert: 9. Mai


Die Laugenbrezel, diese feste Kruste mit den groben Salzkörnern und weichen Teig, der so köstlich nach frischer Hefe und Luft duftet, war meine erste kulinarische Entdeckung in Deutschland. Damals im Allgäu war es, als ich, die Philosophiestudentin aus Sarajevo, meine erste deutsche Mark als Zimmermädchen in einem Allgäuer Hotel verdiente. Schon bald konnte ich sogar die Einheimischen mit meinen Tipps für die besten Brezelbäckereien in der Gegend verblüffen.



Zehn Jahre später als ich, die frischgebackene Journalistin für mehr Farbe in den deutschen Medien unterwegs in Berlin war, ahne ich nicht, dass die Ungeheuer der Großstadt mit mir Katz und Maus spielen möchte.


Ich betrete den Berliner Underground U2 unter dem Theodor-Heuss-Platz als mein Blick den großen Uhranzeiger erwischt, wie es sich gerade langsam auf den kleinen zubewegt. Es ist gleich 22 Uhr, ich bin auf dem Weg nach Hause und habe Hunger. Ich knabbere an einem halben Bretzel, das Stück mit den dicken Salzkörnern, das mir gerade noch süßer schmeckt als die erste Hälfte fünf Stunden davor in der Kantine des Multikulti-Radiosenders, an dem ich mein sechsmonatigen Praktikum absolviere.


Ich, die Ausländerin aus einem zerbombten Land, habe es in drei Monaten wieder geschafft, mich in den Berliner Alltag sogar unter der Erde zu integrieren. Statt mit einem tanzenden Kopf wie am Anfang durch die Gegend zu laufen, mir jede Kleinigkeit zu merken, stecke ich nun meine Nase tief in eine Zeitung, döse wie jeder Berliner vor mich hin und blende die Welt um mich aus, als ich auf die nächtliche U2 in dem kalten, unterirdischen Neonlicht der U-Bahnstation Theodor-Heuß-Platz warte.

Kindersoldat

Mein hungriger Magen fängt das salzig süße Brezel zu genießen, ich ziehe den neuen „Spiegel“ aus der Tasche, die tonangebenden, deutschen politischen Wochenzeitschrift, blättere darin fleißig hin und her und bleibe bei einer Kriegsgeschichte aus Afrika hängen.


Isaak aus Uganda, ein 15jähriger Kindersoldat, hatte das Glück alle Massaker in seinem Land zu überleben. Jetzt schaut er mich ruhig und unglücklich von einem Photo an. Dass er noch lebt, verdanke er nur einer schrecklichen Tatsache: er selber sei zu einem Mörder geworden.


Über Tod und Gewalt erzählt er nüchtern. Er glaube, Jesus sei gekreuzigt worden, nur weil er zu gutmütig war. Er, Isaak, habe dagegen schon als zehnjähriger gelernt, gnadenlos zu sein. Heute wisse er nicht mehr, wie viele Menschen und auch Kinder er umbringen musste, um am Leben zu bleiben. Über den Krieg spricht er stolz, er habe keine Angst vor dem Tod. Nur vor seinen Alpträumen. Oft wache er schweißgebadet auf.


Vertieft in diese grausame Geschichte, merke ich zu spät, dass mein Zug, auf den ich gewartet habe, gerade abgefahren ist. Ärgern rentiert sich nicht, also lese ich weiter. Von Zeit zu Zeit hebe ich meinen Kopf von der Zeitung und halte Ausschau nach dem nächsten Zug.



Rotkäppchen

Mir fällt ein merkwürdiges Geschöpf auf, das in dem Papierkorb neben der Bank wühlt und ein Baguette aus dem Korb zieht, das von beiden Seiten angebissen scheint. Ich kann weder sein Alter noch sein Geschlecht einordnen. Gekleidet ist das dürre Wesen in einen engen, schwarzen Mantel, über den eine lila Kette unter den rechten Arm und über den Hals gezogen ist. An den Füßen trägt es weiße, dreckige Turnschuhe und statt Socken einen weißen und einen roten Verband, um die nackten Füße gewickelt. Eine rote Wollmütze bedeckt sein graublondes strohiges Haar.


“Ein altgewordenes Rotkäppchen!“ denke ich schmunzelnd und gucke, ob ich noch einen Wolf in der Nähe entdecken würde. Den Zug darf ich auch nicht vergessen, den rasenden Wolf, der uns alle verschlucken wird, wenn er nur endlich kommen würde.


Wir alle, ich, das Rotkäppchen und die anderen anonymen Gesichter der deutschen Metropole warten weiter brav auf ihn wie auf unser Schicksal.

„Wie sieht mein Rotkäppchen im Gesicht aus?“, frage ich mich nun.

„Wie die reife Pippi Langstrumpf?“

Pippi war meine Kinderheldin. Sie wuchs mit mir zusammen auf und wir kochten zusammen den ersten Kakao und backten Schokokuchen aus Erde und Wasser. Als ich sie neulich, nach dreißig Jahren in einer Illustrierten wieder traf, war ich ziemlich verdutzt. Nur die Sommersprossen von meiner alten Pippi sind noch übriggeblieben. Seitdem schaue ich mein Gesicht nur noch selten im Spiegel an.


Aus dem Zeitungs-Spiegel blickt mich nun der unglückliche Kindersoldat aus Uganda an, als ob er auch wissen wolle:

„Wie sieht also Dein Rotkäppchen nun aus?“

Mein Blick wandert in die Richtung des geheimnisvollen Wesens mit der roten Mütze, das gerade versucht ein Stück von seiner Beute, dem hartgewordenen Baguettes, abzubeißen.

Als ob es meine Gedanken lesen könnte, dreht sich das Rotkopfgeschöpf zu mir hin und erwischt mich wie ein Blitz für eine Sekunde.

Ich erschrecke. Dieser Blick! Wie eine Ohrfeige! So ein leerer, leidender, aggressiver, machtloser Blick, der mich für zwei Sekunden anstarrt. Vor Angst verschlucke ich den Rest meiner Bretzel. Sein toter Blick bleibt an meinem Gesicht noch drei lange Sekunden haften. Die Bretzel bleibt mir im Hals stecken.

Ich senke meinen Kopf. In der Zeitung wartet auf mich immer noch Isaak. Seine Augen gucken mich genauso vorwurfsvoll an wie die Augen des hungrigen Rotkäppchens, vor denen ich gerade geflohen bin. Zwischen diesen beiden ungeheuren Blicken fühle ich mich machtlos, wie gefangen.

Von dem Bild des früheren Rotkäppchens ist nun nicht mehr als die rote Mütze geblieben. Und ein paar Brotkrümel des alten Baguettes.

Ich verstecke mich hinter Isaak aus Uganda, dem Kind, das der Krieg zum Monster gemacht hatte. Und heimlich blicke ich auf Rotkäppchen, das die Augen eines Wolfes hat und mit mir Verstecken spielt.

Früher übrigens mein Lieblingsspiel.

Gut getarnt hinter der Zeitung beobachte ich das verwahrloste, hungrige Rotkäppchen, das so scharf auf meine leckeren Bretzel war, oder irritiert von meiner Neugier, oder warum hat es mich so angeschaut?

Ich bin jetzt mehr als gespannt, ich bin gefesselt von ihm.

Rotkäppchen spürt meinen heimlichen Blick. Es bewegt sich. Zuerst einen Meter nach links, dann einen Meter nach rechts. Dann ein bisschen auf die Seite. Es will mich wieder ansehen. Den „jemand“, der in seine Welt so schamlos eindringt, sein Leid anglotzt. Es kann mich in jeder Sekunde wieder erwischen.

Und: jedes mal, wenn es meinen Blick fast auffängt, fliehe ich schnell in meinen „Spiegel“. Zu Isaak.

Vor dem Berliner Rotkäppchen, finde ich Schutz bei dem Kindersoldaten aus Uganda. Das macht mich wirr im Kopf: Na, klar, Isaak ist weit weg. In Uganda...


Im nächsten Moment quietscht der Zug. Dann verschluckt er uns wie ein Wolf, zuerst mein Rotkäppchen. Ich betrete sicherheitshalber einen ganz anderen Waggon. „Endlich gerettet vor dem Ungeheuer der Berliner Unterwelt!“ scherze ich mit mir selbst.


Ich suche mir einen ruhigen Platz und setze mich einem jungen Pärchen gegenüber.

Fast Kinder! Er mit tiefschwarzen glänzenden Haar und einem auffallenden Schnitt, die eine Hälfte kahl rasiert, die Haare der anderen Seite fallen ihm fast auf die Schultern. Sie, blond, mit einem frischen Teint, leicht geschminkt, fröhlich. Sie sitzen eng an einander geklebt, knabbern aus einer Tüte die dünnen, knusprigen Salzstangen und lesen gemeinsam vertieft aus einer großen Tageszeitung, die ihnen auf dem Schoß liegt.

Kannibalen

„Was für ein schönes, unschuldiges Alter!“ fange ich an, mich in ihrer Nähe zu entspannen. Dann sehe ich, wie sich der Mund des Jungen bewegt und seine Augen mich anstarren. Ich verstehe nicht, was er von mir will:

-„Wie bitte? Entschuldigung. Ich habe sie akustisch nicht verstanden?“

Der Junge lächelt mich an. Auch seine junge Freundin, die neben ihm saß, guckt freundlich zu mir.

„Haben Sie schon gelesen, was in Nordkorea passiert ist? verstehe ich nun seine Frage.

-„Nein... Was meinen Sie?“

„Hungrige Eltern“ hätten ihre eigene Tochter geschlachtet und aufgegessen. Aber vorher ihr Fleisch gesalzen…

.“Das Salz hatten sie noch...“

Die letzten Worte, eigentlich sein Kommentar, begleitet mit einem völlig unpassenden Gekicher, erschrecken mich. Ich will gern etwas sagen, aber ich spüre wie mein Mund wie gelähmt halboffen bleibt. Wie in einer Zeitlupe bleibt auch der aufdringlicher Blick des jungen Mannes wie eingefroren. Meine Augen springen von dem Jungen zum Mädchen, das neben ihm sitzt und mich anglotzt, bevor ich mich sagen höre:

„ Oh, Gott, aber was ist da so komisch? Warum lachen Sie darüber?“

Der Junge starrt mich wortlos an. Ihm fehlen die Worte. Statt ihm meldet sich nun eine Stimme direkt neben mir. Ein Mittdreißiger, der seine Blechdose „Red Bull“ genau in dem Moment öffnet.


„Gekooocht oder roh? Wie haben die Kannibalen ihre Tochter gegessen?“ fragt er nun so sachlich, als ob es sich um ein Kochrezept handeln würde.


Mein Kopf dreht sich auf meinem Hals wie auf einer Schraube. Ich schaue ihn so verblüfft an, den Mann, der sich, gestört von meinen erschreckten Blick, fast verschluckt, bevor er sich zu mir umdreht, seine Augenbrauen hochzieht und mich so anschaut, als ob er fragen wolle:

„Ist was?“

Schnell drehe ich meinen Kopf wieder nach vorne, bin wieder bei den beiden schönen, jungen Monstern, die ihre weit aufgeklappte Zeitung immer noch ordentlich auf dem Schoß halten und wie die Irren vor sich hin kichern.


„Nein... nicht gekocht.“ antwortet nach einer kleinen Pause der Junge.

“Sie haben ihre Tochter, glaube ich, roh gegessen. Oder...? Das weiß ich nicht so ganz genau. Hier steht nur, dass die Leute in Nordkorea nichts zum Essen hatten und dass sie bevor sie verhungerten, ihre Tochter verspeist hätten. Ja, und hier steht noch, vorher hätten sie die tote Tochter gesalzen!“, höre ich den Jungen wie ein Kind lispeln.


Mir ist übel. Oh, Gott... wo bin ich hier? Was mache ich untern diesen vielen Monster? Ein böser Traum nur? Ich bin traurig. Ich bin müde. Ich bin wütend. Ich reibe meine Augen verwirrt, bevor ich sie wieder breit öffne.

Der lispelnde Junge mit dem irren Haarschnitt und seine schweigsame Freundin sitzen immer noch mir gegenüber, eng einander geklebt mit ihrer großen Zeitung ordentlich ausgebreitet auf ihren Knien. Nun sehen sie ein bisschen verlegen aus. Der Junge dreht sich nun wieder zu mir um und wie ein Schuldiger sagt er:


“Nein, es ist nicht lustig...Ich habe nicht gelacht, weil die Eltern ihre Tochter geschlachtet haben, sondern weil hier steht, dass sie ihr Fleisch gesalzen hätten, also sie hatten noch Salz...“,


Der Junge dreht sich dann zu seiner Freundin, sucht ihren Blick, die letzte Hoffnung, die Rettung vor dem Untergang der Welt. Sie, ruhig, zurückhaltend, die ohne Kommentar die ganze Kommunikation beobachtet hat, lässt nicht lange auf sich warten. Sofort startet sie die Rettungsaktion. Sie zieht demonstrativ vor meiner Nase die Zeitung hoch und lässt ihn und sich dahinter verschwinden. Bis Ende der Fahrt tauchen sie nicht mehr auf, nicht einmal mit einem Geräusch. Statt ihre rote Gesichter, glotzen mich nun die fetten, roten Buchstaben der dicken Überschrift der bekannteste deutsche Boulevardzeitung, womit sie nun ihre Hunderttausend neue Kunden locker satt kriegt:


„Der Hungersnot treibt die Nordkoreaner in Kannibalismus!“


Auch der Mittdreißiger, der sich kurz davor erkundigt hatte, ob die Kannibalen ihre Tochter roh oder gekocht gegessen hätten, kippt die letzten Tropfen aus der Blechdose des Powergetränks runter bevor er aus seinem Rucksack zwei Blätter von „Motz“, einer Straßenzeitung für Selbsthilfe auspackt und darin seine Nase tiefer einbohrt.


An der Yorkstraße, kurz vor meinem Ausstieg, stehe ich entschlossen auf und blicke durch die dicken schmutzigen Glasscheiben des Zuges eine rote Mutze. Sofort erkenne ich mein Rotkäppchen. Wie ein Geist huscht sie in dem trüben Neonlicht der U-Bahn Haltestelle an der Graffitiwand vorbei. Bevor sie mich wieder fixieren kann, verstecke auch ich mich hinter meiner Zeitung, den „Spiegel“, beim Isaak, dem Kindersoldaten, der mich in dieser gespenstischen Berliner Nacht jetzt schon dreimal gerettet hat.


In dieser Nacht bleiben meine Augen lange an der Decke kleben. Irgendwann nicke ich ein und da tauchen sie alle wieder auf: der Kindersoldat Issak aus Uganda, mein Berliner U-Bahn-Rotkäppchen, der lispelnde Junge und seine hübsche Begleiterin, der coole Red Bull. Mit ihnen kämpfe ich gemeinsam gegen die Ungeheurer in uns, den Hunger! Der ewige Hunger, der in uns allen steckt und uns nie und nirgends verlässt, nicht mal im satten Berlin, weckt mich auf...



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