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  • Slavica Vlahovic

All-Inclusive-Adria: Status (03)


Mein Herz zuckt, als ich sie sehe.


Sie wohnt in Wolken. Oder in einem schwarzen Loch. In ihrem Schmerz.

Um sie herum wimmelt es von uns Touristen. Ihrem täglichen Brot.

Sie kennt uns gut. Auswendig. Sie geht an uns vorbei. Wie an einem Friedhof.



Wir, die Narren auf Klassenfahrt, saufen von früh bis spät an der All-Inclusive-Bar.

Unsere Handgelenke schmücken die bunten Bändchen, unsere neue Statussymbole.

Blau, die Farbe der All-Inklusive-Narren, darf alles, wann und wo auch immer sie wollen.

Weiß ist die Farbe der Unschuld, die Halbpension für morgens-und abends Versorgung.

Weiß mit roten Streifen verrät: « Abstauber», die Schlitzohren, die das Geschenk der Agentur: ÜF, d.h. Übernachtung und Frühstück, buchstäblich kostenfrei genießen,

ohne sich über Spielregel und die Spiegeleier Gedanken machen zu müssen. Ohne etwas zurück zu geben.


Ich sehe sie wieder. Sie verfolgt mich. Meine Muse. An wen erinnerst Du mich?


Ihr Kopf wächst aus ihrem Hals. Als ob sie nach Luft schnappen will. Als ob die Luft unten, da wo wir gerade sitzen, saufen, lachen, Dreck machen, stickig wäre.

Ihr rotes Tablett streift an uns vorbei als ob sie damit gleich zuschlagen wolle. Hin und her. Als ob sie von ihrer Vertikalen nicht genug kriegen kann, um uns da unten in der Horizontalen zu übersehen. Respektvoll. Mit Verachtung.


Gläser wachsen auf den Tischen.

Bierglas, Weinglas, Schnapsglas, Whiskeyglas, Unisexglas.

Die Glasberge unserer Begierden wachsen aus Bewegung.

Mit Ruck heben wir unser Hinter aus den tiefen Lobbysesseln.

Ruck und Zuck machen wir Schritte. Gehen. Laufen. Zielstrebig.

35 Meter zum All-Inclusive-Hahn, unserem Glück.

Was wollen wir trinken?

Kaffee, Wasser, Wein, Bier, Wodka, Whiskey... Alles da!

Unsere Qual der Wahl.

Einer nach dem anderen. Drücken. Abzapfen. Sich umdrehen. Gehen.

Zurück laufen. Langsam mit Gläser. Mit Biergläsern. Mit Weingläsern.

35 Meter zurück laufen. Gläser abstellen.

Mit Hop den Hintern in die tiefen Lobbysessel hinein fallen lassen.

Fertig.

Zum Wohl!


He, warum schmeck der Wein so...dünn?

Ich gucke, rieche, nippe, nasche, beiße

verdrehe die Augen

Alles dünn.

Verdünnt wie Globuli

Die All-Inklusiv-Alkohol-Homöopathie,

Weiß der Geier warum.


«Bolje biti pijan nego star...»

Ich erkenne die Melodie sofort, spitze die Ohren zu, reibe die Augen und kann es kaum fassen.

Ein junger, kräftiger Bursche in weißer Schürze, Koch, summt hinter den üppig aufgebauten Büfett mit Schwein, Huhn, Rind und jede Menge Reis und Teig, eine alte Yugo-Rockbalade. Er trifft die Töne sporadisch. Sein Summen klingt ausgeleiert, müde, wie ein Klagelied.


Egal. Das macht nichts.


Sein Publikum, Touristen, viele gut situierte Frührentner aus dem satten Deutschland, Frankreich und Dänemark bekommen sowieso nichts mit. Weder von Koch, noch von seinem Gesang. Sie sind woanders. In sich. Mit sich beschäftigt. Mit ihren lauten Därmen.

Ich, 007, schalte die Antennen an, scanne alles, was ich sehe, höre, riehe, schmecke.

Ich betrachte auch mich unter der Lupe.

Mit meinem voll beladenen Teller rolle ich mit hundert anderen wie auf dem Fließband zwischen dem diffusen Summen, quietschenden Stühlen und überfüllten Tischen hindurch.


Ich bin hier, wie alle anderen, von einem einzigen Trieb heimgesucht: vom Hunger.


Der Koch hält uns im Visier, knetet mit Daumen und Zeigefinger weiter den Teig, formt in Zeitlupe eine runde Pizza, bestückt sie mit Tomaten und Käse und beginnt den gleiche Refrain von vorne:


«Bolje biti pijan nego star... “Besser sich zu besaufen als alt zu werden »


Die nostalgische Liebesballade vom «Plavi Orkestar» -dem «Blauen Orchester», trotzig und romantisch zugleich, war früher auch meine Hymne. Laut, wild, selbstbewusst habe ich mit diesen Tönen meine Welt Ende der 80er erobert. Bei jeden Anlass, bei Konzerten, Parties, auf Reisen, sogar in meinen Träumen haben wir gegen all die Obrigkeiten eifrig gekämpft, uns von Autoritäten abzugrenzen versucht, alles besser als die Alten zu machen gewollt.

Um den Schmerz und Liebe in uns zu spüren, uns zu vereinen.


Nun hört sich die Ballade in Munde des montenegrinischen Kochs so müde an. Wie eine Kapitulation. Verachtend. Ohnmächtig wie eine verlorene Illusion. Wie diese Reise.





PS:

All-Inclusive-Adria, die Reise nach Kroatien, Bosnien, Montenegro, früher alles meine Heimat, heute das Schnäppchenparadies der Frührentner und anderen Glücksvögel aus Deutschland, Frankreich, Dänemark.

Ich war dabei. In der Rolle eines Aliens in der eigenen Heimat.

Die Heimat, die es nicht mehr gibt, zu vermessen. Als 007 in geheimer Mission habe ich die zerstückelte Utopie zusammen zu flicken versucht.

12 Folgen einer Abrechnung mit dem “satten Leben und ewigen Hunger

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