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  • Slavica Vlahovic

Dampfkorb - Vom satten Leben 02

Aktualisiert: 14. Dez. 2021


„Ich bekenne: Ich liebe gutes Essen und schräge Typen. Aber kochen? Nein, da bin ich eine völlige Niete. Obwohl ich die besten Lehrer der Welt haben könnte... Oder vielleicht deswegen?


„Das Geheimnis einer guten Küche beginnt mit der guten Gerätschaft “, erklärt mir mein deutscher Gatte bei der Präsentation seines neuesten Kaufwunders: ein Korb aus Bambus, rund, riesig und in drei Teilen geschichtet.

„Ein Schnäppchen vom Chinesen um die Ecke,“ informiert er mich und nennt das Ding

„Dampfkorb“.


Der Chinese, ein kleiner Mann mit schmalen, traurigen Augen, hat uns ein Jahrzehnt lang mit besten asiatischen Lebensmitteln versorgt, bevor er den Wettkampf gegen das asiatische Sortiment der großen deutschen Biosupermarktkette schräg gegenüber verloren hat. Seinen asiatischen Feinkostladen konnten sogar die immer häufigeren Einkäufe meines deutschen Mannes nicht mehr retten.


Er, sein treuester Stammkunde, kann es nun kaum fassen, schüttelt den Kopf, fühlt sich betrogen, selber angegriffen. Bei seinem Chinesen hat sich mein deutscher Gatte immer die besten asiatischen Produkte, Rezepte, Tipps und Tricks und das bei den besten Preisen geholt. Er hat dort Klebereis, Reisnudel, Kokosreis, Reisessig, Sojasoße, Ingwer, Bonito, Paksoi, Algenblätter, Thai-Basilikum, Wan-Tan, und wer weiß, welche Exoten noch immer reichlich gekauft.


Ich, sein treuestes Versuchskaninchen, die glückliche Testerin, bin von den asiatischen Kochkünsten meines deutschen Mannes inzwischen völlig überzeugt. Mehr noch. Ich hüpfe vor Freude wie unsere Nachbarkinder vor der italienischen Eisdiele, wenn er seine neuen exotischen Verkostungen mit mariniertem Thunfisch und Tofu oder noch besser: Glasnudel mit lackierter Ente aus dem Römertopf verkündet.


Nun macht sein Chinese den Laden endgültig dicht. Die Miete sei wieder gestiegen und die alte Kundschaft ziehe es nun mehr zum Biosupermarkt. Die Pleite seines Chinesen erlebt mein deutscher Gatte wie seine persönliche Niederlage. Er könne es noch immer nicht fassen und versuche zu retten, was zu retten sei. Also krempelt er seine Ärmel hoch und zieht in den Krieg.

Zwei Stunde später kehrt der Krieger mit einer riesigen Beute zurück: kiloweise Klebereis, Kokosreis, Reisnudel, Glasnudel, getrocknete Pilze, Algenblätter, Sojasoße und als Krone: der riesiger Bambusdampfkorb!


Den armen Chinesen habe er, sein treuester Kunde zu Tränen gebracht und er habe ihm noch ein paar zusätzliche Rabatte gegeben.

„Wie wunderbar!“ höre ich mich sagen.

Wohin aber damit? Der Kühlschrank ist voll! Schubladen auch. Keller?

Egal, wenn so eine Ära vorbei geht, muss ich meinem deutschen Mann erst einmal beistehen.

Wortreich bewundere und lobe ich seine Riesenbeute, die tollen Superschnäppchen von seinem Chinesen. Der Küchenschrank bricht zwar inzwischen langsam zusammen, doch für den monströsen, chinesische Bambusdampfkorb werde ich auch noch einen Platz unter so vielen anderen kulinarischen Geheimnissen und Geräten finden: irgendwo zwischen italienischer Espresso-Maschine, französischem Korkenzieher, türkischem Zwiebel-Schäler, deutschem Elektro-Messer, albanischem Messerschärfer, der „Dzezva“, dem bosnische Mocca-Kännchen., den tiefschwarzen, erdigen kroatische Schüsseln aus Trockentorf, die wie Trophäen auf dem Schrank ruhen.


Am nächsten Tag verkündet mein deutscher Mann feierlich:


„Heute gibt es Hühnerbrust mit Feigen im Bambusdampfkorb gedämpft! Mit Curry-Reis und den karamellisierten Karotten“.


„Mmmmmm...leckeeer!“ höre ich mich eine Dreiviertelstunde später genüsslich stöhnen.

Die Brust ist saftig, zart, duftet und schmeckt nach Butter, Ingwer und Jasmin mit Zitronengas.

Mein deutscher Mann schmilzt vor Glück. Seine Hände verschränkt er zufrieden über seinem Bäuchlein.

„Morgen gibt es Fisch!“

Selbstverständlich gedämpft, erfahre ich von meinem neuen Glück. Übermorgen will mein deutscher Mann dann gedämpftes Gemüse in Sojasoße und Reisessig präsentieren.

Als mein deutscher Held dann im asiatischen Bambuskorb auch noch die bayerischen Semmelknödel dämpfen will, dampft es mir aus den beiden Ohren. Ich übernehme das Kommando und verkünde:

„Morgen koche ich! Morgen gibt es Cevapcici!“ Punkt!


Am nächsten Tag, noch bevor er noch aus dem Bett kriecht, bringe ich den Dampfkorb, die Kriegstrophäe meines deutschen Gatten, in den Keller und lasse ihn dort für eine Weile verschwinden.


Nun glotzt der geflochtene Korb auf dem Kellerregal wie ein Grabstein, wenn ich eine Flasche aus der Wasserkiste hole und erinnert mich jedes Mal an den armen Chinesen, der übrigens gar kein Chinese war, wie mein deutscher Mann die ganze Zeit dachte.

Eine kleine, energische Koreanerin mit dem roten Hut, die mir neulich bei dem asiatischen Sortiment des neuen Biosupermarkt hilft, die richtigen Zutaten für mein erstes „Kimchi“ zu finden, klärt mich auf:

Die besten Zutaten für ihr Kimchi, halb so teuer wie hier im Biosupermarkt, habe sie früher bei dem alten guten Kim Chun bekommen, sagte sie wehleidig, bevor ihr Landsmann, nach fast 40 Jahren zurück in die Heimat ging, um sich um seine 99 jährige Mutter zu kümmern.


Die gute Nachricht über den Chinesen, der eigentlich ein Koreaner ist, wird auch meinen deutschen Mann sehr freuen, denke ich mir und schreibe schon das Rezept auf. Kimchi, das stolze koreanische Nationalgericht, wie ich verstanden habe, sei eine Art Jungbrunnen und Gesundheitsbombe in einem, der auch ihre Oma „100 Jahre alt werden ließ“, fügte sie hinzu und diktiert weiter:



„Die Chinakohlblätter kurz waschen, dann gut salzen, bevor man sie alle in einen Brei aus Reismehl, Wasser, Ingwer, Knoblauch, Fischsoße, und original Chilipulver aus Korea, mit den Händen kräftig verknetet…!“


Da fällt mir auf einmal unser Dampfkorb wieder ein...

„Den Brei mit Reismehl, Ingwer, Knoblauch, Paprika und Fischsoße kann man bestimmt auch dämpfen?“, frage ich.

Die Koreanerin macht große Augen.

„Kimchi dämpfen???! Um Gottes willen!“ runzelt sie ihre Stirn, dreht den Kopf und geht los. Ohne Gruß. Sie marschiert mit festem, trotzigen Schritt durch Regalreihen, schaut böse und presst ihre Lippen zusammen, als ob ich ihren Buddha gerade beleidigt hätte, oder daran zweifeln würde, dass Kimchi auch Geister vertreibe und möglicherweise sogar Corona heilen könnte.



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