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  • Slavica Vlahovic

Nicht die Bohne - vom satten Leben

Hätte mein armer Nachbar geahnt, was auf ihn zukommt, als er mich zu seinem Geburtstag eingeladen hat, hätte er sicherlich einen weiten Bogen um mich gemacht und hätte so seine 40 Jahre alte Tradition retten können.


Ich liebe gutes Essen und schräge Typen. Aber Kochen? Nein. Da bin ich eine völlige Niete. Obwohl ich die besten Lehrer der Welt haben könnte. Oder: vielleicht deswegen…


Deswegen schlürfe ich missmutig zwischen Delta und Omikron meinen zweiten Espresso im Garten bei dem Italiener um die Ecke und blättere nervös in meinem Smartphone, als auf dem Monitor plötzlich ein neues Video von meiner letzten Marokkoreise auftaucht.


„Nein, Alexa! Keine Nostalgie! Bitte!“


Wenn ich schon nicht nach Kuba, Kairo oder auf die Kanaren fliegen darf, dann möchte ich mindestens meinen Kaffee in Ruhe zu Hause in Köln trinken können. Ich übe nun wie im letzten Winter auch die zwei schwierigsten Sportarten: Geduld und Schattenspringen, Springen über den eigenen Schatt


Und kaum ist mir klar, was ich nicht will, biegt um die Ecke mein Nachbar, eine dürre Stange, graue Mähne, enge Jeans. Als er mich sieht, dehnt sich sein Mundmuskel auf dem verkniffenen Gesicht von einem Ohr zum anderen. Er setzt sich zu mir, zündet eine Zigarette an und verkündet: Er gebe eine Fete bei sich zu Hause. Ich sei eingeladen! Zu seinem 60ten!

Ich staune: Omikron und Geburtstagfete? Mit ihm, dem Überkorrekten?


Um Omikron solle ich mir gar keinen Kopf zerbrechen, entziffert er sofort meinen verdutzten Blick. Er, der Oberstudienrat, geboostert, längst vollständig geimpft, nicht nur gegen Covid, sondern auch gegen Grippe, Tetanus, TBC und 77 mal getestet, habe selbstverständlich für alle seine Gäste, ganz so wie es der neue Gesundheitsminister will, den Schnelltest besorgt.

„Zur Sicherheit“.

„Ah, ja, logisch!“ atme ich erleichtert auf. Wie konnte ich überhaupt an ihm zweifeln.

„Ein sehr kleiner, aber feiner Kreis, nur neun seiner engsten Freunde“ sagt der Nachbar.

Meine Augen blinzeln, die Augenbrauen runden sich.

„Ich unter 10! Was für eine Ehre!“

Ich bin geschmeichelt. Mir imponiert seine Stringenz, Fürsorge und noch mehr sein Mut.

Er, der Ritter, schlägt sich schlau durch die Krisen, kämpft nicht nur gegen das böse Covid und all seine furchterregenden Varianten, sondern er lässt sich sogar auf mich ein! Meinen weit berüchtigten Magen, der nur noch bei meinem kochbegabten Gatten selten meckert, fürchtet er also nicht. Respekt!

„Was steht auf der Speisekarte?“, frage ich wie immer nach Sarajevo-Art ganz direkt.

Oh, Gott! Daran kann sich mein Nachbar nur schwer gewöhnen. Er verdreht die Augen wie früher Angela Merkel auf der Balkanroute.

„Wie immer…!!“ meint er, zieht noch einen tiefen Zigarettenzug ein und pustet den Rest des Satzes aus der ganzen Lunge raus:

„Chili con Carne!“

Hinter seinem Zigarettenqualm verschwindet er und ich verschlucke mich fast.


„C h i l i c o n C a r n e?“ ziehe ich die Vokale in die Länge, meine Pupillen weiten sich, der Magen knurrt. Ich ignoriere seine tausend Fragen und zig Bilder von seinen Dramen mit all dem Nudelsalat, Partyfrikadellen und vor allem Chili con Carne auf berüchtigten sogenannten F´èten.


Ich lächle nun meinen Nachbar an und will sein Bemühen honorieren. Er hat mich gerade in seinen engsten Freundeskreis aufgenommen!

„Und übrigens…“, Da kenne er sich aus wie in nichts anderem, sagt er, er scheint mein Dilemma durchschaut zu haben. Er bereite den scharfen, südamerikanischen Eintopf heute noch wie früher in seiner alten Studenten-WG in den 80ern vor. Seine alte Studentenclique aus Göttingen, heute alle gut situierte Pädagogen, ein Professor, zwei Museen-Kuratorinnen, eine Diplom Psychologin, und ein Musiker aus Bayern, drehen heute noch den Daumen nach oben bei seinem Chili con Carne. Dazu gebe es noch die Karotteningwersuppe, die er bei seinem Belgier immer bestelle und Tiramisu von Toni, dem Italiener um die Ecke, die Rack-Zack verputzt werden wird! Der gute Wein von seinem Spezial-Winzer sei auch schon da!


„Siehst Du!“ tadle ich meinem Magen, den Wachhund, und lobe gleich meinen Nachbarn: „Wie wunderbar!

„Gleich kriege ich Heißhunger auf Bohnen!“ sage ich.

Welche Sorte nehme er für sein „Chili con Carne“ will ich wissen.

Der Nachbar faltet seine Stirn.

„Negra? Prinzess? Jutta, Adriana, Blauhilde, Saxa, Kidney…?“

„Wie bitte?? Er versteht mich nicht.

„Nein, kein Witz! Auch keine Frauennamen!“, lache ich, als ich die großen Augen meines Nachbarn sehe.

„Alles nichts als Bohnen. Kaum zu glauben, aber es gibt tatsächlich über 700 Bohnensorten auf der Erde! Da kenne ich mich wirklich aus wie in Nix anderem!“ prahle ich mit meinem internen Fachwissen.



Mein Nachbar kratzt sich am Kopf:

„Nein, nicht mal die Fünftel habe ich getestet!“ beruhige ich ihn.

„Aber ich habe noch im Mund den klaren Unterschied zwischen Negras, die runden schwarzen, die mein Vater so mochte, Prinzess, die kleinen weissen, die Mutter in unserem Garten immer einpflanzte oder den bunten Marmorbohnen, eine alte süßliche Sorte, die Oma am liebsten kochte und ich und Opa süchtig auslöffelten. Opa hat später noch die Samen von Painted Lady, Adriana und auch Kidneybohnen besorgt, ich glaube von einem Gastarbeiter aus der Schweiz, aber seine Favoriten blieben die Marmorbohnen.

Der Nachbar guckt ernst, als sei er auf dünnes Eis gelockt worden:

„Ja, Kidneybohnen, der Name sei ihm nicht ganz unbekannt“ meint er.

Genau die kaufe er für sein Chilii con Carne!, meint er und zündet sich eine neue Zigarette an.

„Ja, die sind auch nicht schlecht“, Und dann will ich wissen, wie er sie zubereite.


Das ist der Moment, als mein Nachbar endgültig bereut, mich eingeladen zu haben, glaube ich. Der scheint langsam genervt von mir zu sein.


„Wie, wie… ganz normal!“ sagt er „Wie immer halt…“

„Wie immer…Also kochst Du die ganzen Bohnen so zwei bis drei Stunden auf ganz kleiner Flamme wie früher meine Oma, oder lässt Du sie über Nacht einweichen, wie meine Mutter, um Zeit zu sparen? Wie oft wässerst Du, wann kommt das Salz oder ganz ohne…?“

Der Nachbar ist verlegen, beißt sich auf Lippe:

„Weder ... noch…“ platzt es aus ihm heraus.

Eine kleine Pause. Bevor er, mein netter, ehrlicher, Nachbar, die ganze brutale Wahrheit unverpackt rausspucken muss:

Er kaufe Fertigbohnen, genau drei kleine Konserven für den großen Topf seines „Chili con Carne“, öffne sie kurz bevor die anderen Zutaten fertig sind… wasche sie kurz aus, „und dann ab, das Zeug in den Topf rein! Fertig!“


„He?“ Ich traue meinen Ohren nicht! Meine Augen federn. Der Magen hüpft, stößt auf:

„B o h n e n a u s d e r K o n s e r v e????“


Vor Corona war die Welt noch nett zu mir. Ich bin früher mit meinem deutschen Mann in den kalten Wintermonaten um die Welt gekreist. Schmerzlos und günstig. Oft günstiger und leckerer, als zu Hause zu bleiben. Es hätte so weiter gehen können, wäre der böse Virus nicht gekommen. Nun also erfahre ich, welche „Highlights“ ich zu Hause verpasst habe.


Wenn nun allerdings mein Magen „Chili con Carne“ mit Kidneybohnen aus der Konserve nicht verdauen will, dann muss ich wohl alleine zu Hause bleiben und formuliere schon in Gedanken die Absage. Doch dann beginnt mein bosnisches Kämpferherz zu schlagen und ich lege los:


„Mein Opa“, hebe ich feierlich an, „dessen empfindlichen Magen ich geerbt habe, hat sich um jede Bohnenstange persönlich gekümmert, die Oma dann um die Zubereitung! Jeden Mittwoch roch es bei ihnen zu Hause nach Bohnen und Speck. Omas Bohnensuppe köchelte stundenlang am Rande, auf der äußersten Platte des Holzofens“.


Mein Nachbar, verstimmt, schaut er in die Ferne, steckt seinen Tabak in die Tasche, will gehen. Ich versuche es mit einem letzten Manöver.


„Und was soll ich Dir sagen: Mein Großvater wurde 90 Jahre alt und hatte bis zum Schluss ein faszinierendes Gedächtnis! Er kannte alle Flüsse Europas von der Quelle bis zur Mündung und hätte da jede Wette gegen 40 Jahre jüngere Männer gewonnen. Ein perfekter Kandidat für „Wetten das!“


Mein Nachbar, der in der letzten Zeit öfter schon einmal nach Worten und Begriffen suchen muss, zieht seinen Tabak wieder aus der Tasche und verwandelt sich in ein Ohr.


„Der Opa hatte ja einen sehr empfindlichen Magen, Omas bunten Marmorbohnen aber hat er perfekt verdaut. Ich liebte sie auch, konnte kaum abwarten, schnüffelte um den Deckel herum. ´Langsam!´, rief die Oma immer. ´Die Bohnen müssen ganz langsam köcheln, damit der ganze Geschmack, alle Vitamine, Minerale und die Stoffe für den frischen Kopf, nicht verdunsten.´ Und tatsächlich: meine Großeltern lebten lange ohne schlimme Krankheiten, mit perfektem Gedächtnis!“


„Alles dank der Bohnensuppe?“ fragt der Nachbar skeptisch.

„Natürlich! Was meinst Du, warum die Serben heute noch die verlorenen Schlacht 1389 auf dem Kosovofeld gegen Türken bis in Details nicht vergessen können?“

„Bingo! Wegen der weltbekannten serbischen Bohnensuppe! Ja wie die letzten Balkankriege beweisen“ lacht der Nachbar.


„Die Bohnen sind außerdem voll von Vitaminen und Mineralstoffen, reich an wertvollem pflanzlichem Eiweiß, dabei kalorienarm und vielseitig verwendbar…“ zitiert der Nachbar Google, den Besserwisser.


„Und erst der Duft und der Geschmack, mein Lieber!“ übernehme ich wieder das Kommando.

„Das ist ein Aroma von jungen Walnüssen, eine leichte Süße, erdig wie der Acker im heißen Sommer nach einem deftigen Regenschauer, leicht mehlig aber immer noch fest mit den Spuren von Muskat, Majoran und verräuchertem Paprikapulver, wenn man sie zubereitet wie früher meine Oma!“ strahle ich.


Mein Opa habe es ihr sehr übel genommen, als sie dann vor ihm ging.

„So haben wir, meine liebe Ane, das nicht ausgemacht!“, habe er damals gezetert.

Ihm schmeckte danach nichts mehr, weder die Bohnensuppe seiner fünf Töchter, noch das Leben, beschwerte er sich damals bei mir.

Der Opa überlebte auch seine um 18 Jahre jüngeren Kumpanen, die ihm nach Omas Tod getröstet haben, was ihn noch mehr ärgerte und seine Galle krank machte. Der Opa lehnte aber die OP ab, es wäre seine erste gewesen.

„Wozu Operation? Das rentiert sich doch gar nicht mehr!“ sagte er trotzig.

Die Ärzte lachten. Sie hätten gerne seine Vitalität und sein Gedächtnis gehabt.

„Alle sind weg!“ schaute der Opa traurig in die Ferne. Niemand mehr da, mit dem er über die früheren Zeiten reden könne.


Mein armer Nachbar wühlt in seinen Taschen und holt einen Kuli heraus, bevor ich meinen letzten Satz beende.

Er wolle nun die richtigen Bohnen kaufen.

„Wie heißen die noch einmal, die weissen von deiner Mutter?“

Er brauche jetzt Hilfe, ob ich mitkomme, er würde auch in meinem Lieblingsladen einkaufen. Wir gehen also in den Bio-Supermarkt, den er bis dahin wie der Teufel das Weihwasser gemieden hat.

Er ist ehrlich:

Sorry, er kannte halt nur die Bohnen aus der Dose. An meinen Magen habe er leider nicht gedacht. Er habe vergessen, wie empfindlich ich sei. Er habe es tatsächlich vergessen“


Mein Nachbar entpuppt sich als ein flexibler, geduldiger, einfühlsamer Schattenspringer, was ihm keiner vor Corona zugetraut hätte, der wegen mir bereit ist, sogar seine 40 Jahre alte Traditionen hinter sich zu lassen.


Im Bio-Supermarkt kann ich meinen Nachbarn kaum stoppen. Er schmeißt in den großen Einkaufswagen eine Menge teurer, frischer Zutaten: trockene Kidneybohnen, Rinderhack, Tomaten, Paprika, Chilischoten, Mais, Petersilie…und: als er noch die sündhaft teure Rinderknochenbrühe aus dem Regal holt, gleich zwei Gläser, wo schon die gekörnte Brühe es auch getan hätte, weiß ich, dass er seinen 60ten nie vergessen wird.


Am nächsten Abend, als ich mit meinem deutschen Gatten vor seiner Tür stehe, duftet es unwiderstehlich im ganzen Treppenhaus wie früher bei meiner Oma.


In seiner Wohnung, die mit den überladenen Regalen und vergilbten Kunstpostkarten wie ein Museum aus den 80er aussieht, haben sich um den großen Topf mit seinem Chili con Carne seine Oldies, die original Göttinger Clique, schon gesammelt. Eine halbe Stunde später ist auch sein Musikus-Freund und seine Muse aus dem Gaza eingetroffen, sie erkämpfen gegen die Göttinger die letzten zwei Portionen.

Die Muse wolle das Rezept, das solle er als großes Kompliment nehmen, sie esse nämlich nur gute Sachen, kaufe nur Bio ein. Ja und wenn er noch ein wenig von dem wunderbaren, frischen Chilischote hätte. Ja, sie liebe es scharf, es könne für sie nie scharf genug sein.


Was habe er nun davon, beschwert sich mein Nachbar am nächsten Tag bei mir. Nicht die Bohne seines „Chili con Carne“ hätten ihm seine Gäste hinterlassen.

Nix da. Alles weg!

Nur die Karotteningwersuppe seines Belgiers, die früher immer als erste verputzt wurde, sei so gut wie unberührt geblieben. Er müsse sie nun einfrieren.

„Für zwischendurch mal...“ oder für die nächste Fete…für den, oh, Gott! „Wie heißt der… „Allaaf in Kölle!“

„Karneval?“

„Jaaa, Karneval!“ Da wolle er, als Bohne verkleidet, alle europäische Flüsse rezitieren.

„Gute Idee!“ sage ich und pfeffere gleich hinterher:

„Aber nicht vergessen, die Bohnensuppe nach Art meiner Oma vorher auszulöffeln!“

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