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  • Slavica Vlahovic

Wodka, Politikum

Aktualisiert: 10. Juni

Ich stehe unter einer Straßenlaterne unweit meiner Haustür, habe gerade das Gespräch mit meinem Gatten, auf den ich ungeduldig warte, per Mobilphone beendet, als mich ein Mann um die Vierzig über beide Ohren anstrahlt. Er hält ein giftgrünes Fläschchen vor meiner Nase und verkündet feierlich:

„Das ist für Sie!“

Ich bin völlig verdutzt, kenne weder den Mann noch weiß ich, was ich mit seinem grünen Zeug anfangen soll. Das einzige, das aber verwirrt mich noch mehr, was mit mir noch zu tun haben könnte, ist der identische Farbton des Fläschchens mit meiner neuen Jeansjacke.

„Für mich?? Aber warum? Was ist das…?“

Der Mann zieht langsam die Augenbrauen hoch und grinst mich triumphierend an.

„Das ist der Wodka! Ein kleines, grünes Wunder der Grünen. Unser Geschenk an Sie!“



Ich verstehe gar nichts. Ist das der neue Werbegag der stärksten Partei in meinem Veedel, die kurz danach tatsächlich die besten Ergebnisse bundesweit erzielen würde? Was hat es aber, weiss ich immer noch nicht, mit mir zu tun und wieso diese Partei ausgerechnet jetzt, mitten im Ukrainekrieg mit Wodka, mit so einem russischen Getränk wirbt? Trotz des Embargos gegen Russland? Obwohl Anna-Lena, die deutsche Außenministerin, ein paar Tage davor mutig und laut verkündet hat, "nie wieder von und mit Russen" also für immer Schluss und bis in alle Ewigkeit! Und ihr älterer Kollege Habeck, der deutsche Wirtschaftsminister, ihr Versprechen sofort umsetzen will, in dem er im Namen der umweltfreundlichsten Partei mit umwelt-und demokratiefeindlichsten Schurken aus den Emiraten, Kuweit und Co verhandeln geht. Denn kein Teufel sei zur Zeit so schwarz wie der Russe an sich. Mit Putin stehen inzwischen auf der Schwarzen Liste des Westens Schulter an Schulter nicht nur russisches Öl, russisches Gas, russischer Strom, russische Oligarchen, russischer Kaviar, russische Babuschka, russische Sprache, sondern auch Tschechow, Tschaikowski und sogar Dostojewski.

Und nun wirbt die Partei von Anna-Lena und Habeck mit Wodka?? Mit dem grünen Wodka!?


Ich kann es nicht fassen. Tausend Fragen kreisen in meinem Kopf, noch rätsle ich über das grüne Politikum Wodka. In meinem Kopf spule ich jetzt die alten Filme ab, einige über andere politische Sünder, die ich mit vielen politisch unkorrekten Getränken und Speisen der letzten 25 Jahre begangen habe.


Ajvar


Ajvar, der herrliche Brotaufstrich aus Paprika, Tomaten und Auberginen, den ich kurz vor meiner Ankunft in Köln in einem türkischen Laden entdeckt hatte, war meine erste politische Sünde. Die leckere Nostalgie aus meiner Kindheit entpuppte sich zwei Tage später als eine ernste politische Sache.


Zu Gast bei uns sind zehn Künstler, unter ihnen auch ein paar Lebenskünstler, Lehrer, Journalisten und Advokaten, die mein deutscher Gatte zu einem Tischfußball Turnier, dem sgn. “Table Soccer” eingeladen hat, um sich gemeinsam für die WM einzustimmen. Dieses verrückte Spiel muss ich mir ansehen, denke ich mir und schmunzele vor mich hin, als ein ernsthafter Streit um die Spielregeln ausbricht. Älter gewordene Herren mit ihrem dünn gewordenem Haar und mühsam versteckten Bäuchen in Klamotten ihrer Söhne sitzen einen ganzen Tag lang an einem langen Tisch mit Karten, fiebern laut um die Wette in dem verrauchten Raum, der nach Marihuana riecht und verschlucken dabei literweise Kölsch.


In den kurzen Pausen kosten sie die Spezialitäten, die wir, ihre Gastgeber, auf den Küchentisch gestellt haben, das selbstgemachte Chili con Carne, Humus, jede Menge Salate, Gebäck, ein paar Brotaufstriche, darunter auch mein Ajvar.

Als ein junger Deutschjapaner, Sohn eines deutschen Regisseurs und einer japanischen Fotografin, voller Genuss sein viertes Brotstück mit meinem Brottaufstrich „Ajvar“ einschmiert, weckt er die Aufmerksamkeit seiner älteren Mitspieler.

„Was ist das so Leckeres?“ will sein Vater wissen, und greift nach dem köstlichen Mus. Ihm folgen noch ein Lehrer und ein Optiker.

Der Junge zuckt nur mit den Schultern und isst weiter.

„Ajvar!“ sage ich fröhlich.

„Ajvar?“

„Eine leckere Erinnerung an meine Kindheit. Ich habe das Mus in einem türkischen Laden hier in Köln gestern entdeckt.“

„In einem türkischen Laden???“ höre ich eine entsetzte Stimme. „Mit der roten Halbmond-Flagge und dem Erdogan-Bild?”

Alle hören sofort mit dem Brotschmieren auf. Ein paar merkwürdige Blicke fliegen über meinen Kopf, bevor ich wortlos in der Küche allein zurückgelassen werde. Nur der junge Deutschjapaner isst weiter mein „Ajvar“, ohne sich eine Sekunde in seiner meditativen Genuss-Stimmung stören zu lassen.

Ich bin verwirrt, fühle mich wie mit kaltem Wasser übergossen.

„Was habe ich bloß angestellt? Was haben die gegen meinen Ajvar? Oder haben sie etwas gegen Türken?“, stelle ich mir empört Fragen über Fragen, auf die ich keine vernünftige Antwort finde.


Als ich später, nachdem der letzte Gast unsere Wohnung verlassen hat, meinem deutschen Gatten mein Dilemma schildere, fängt er an, laut zu lachen, bevor er mich aufklärt:

„Klar! Wo gibst es denn so was? Türkischen Ajvar zu kaufen, während die Kurden und ihr Öcalan, während Journalisten, Demokraten, Künstler in dunkle türkische Gefängnisse willkürlich gesteckt werden und dort leiden müssen?“

Genauso sei er damals beschimpft worden, als er den unwiderstehlichen französischen Käse und leckeren Rotwein verkostete, während Chirac seine Atomtests machte.

Nun sind die Türken an der Reihe und müssten für ihre politischen Sünden gastronomische Buße zahlen.


So erfahre ich, was für ein politischer Analphabet ich eigentlich bin.


In Sarajevo verrät mich schon die Zigarettenmarke, die ich unbekümmert auf den Tisch eines Cafés lege. Ich, die Rückkehrerin, rauche „Marllboro“ und wundere mich, warum ich schräg angeschaut werde und eine Runde für alle zahlen muss.

Die Zigarettenmarke zeigt in Bosnien, zu welcher Politik man steht. „Drina“ vertritt Bosniaken, „Ronhill“ Kroaten, „Partner“ Serben, und „Marllboro“ die reichen Ausländer und Rückkehrer. Dass sie miteinander nicht an einem Tisch sitzen und eine gemeinsam rauchen können, ist kein Geheimnis.

„Besser nicht rauchen“, sagt meine Mutter.

„Rauchen gefährdet die Gesundheit“, sagt der deutsche Gesundheitsminister und ich denke an meinen neuen Alptraum: „Ajvar!“

Die Nostalgie aus dem türkischen Laden hat nun meinem Ansehen unter den deutschen Künstlern in einem verrauchten Raum, der nach Marihuana riecht, endgültig geschadet.


Pizza, Pasta & co.


Zwei Jahre später studiere ich in einer türkischen Weinstube bei mir um die Ecke die neue Speisekarte, als hinter meinem Rücken ein Mann laut verkündet, er boykottiere italienische Produkte, solange Berlusconi an der Macht sei. Demonstrativ lehne er auch italienische Weine ab.

„Korrekt!“, sagt der türkische Wirt und bringt seinem politisch korrekten Kunden, der sich als deutscher Lehrer entpuppt, zuerst einen Raki. Zur Beruhigung.


Der Gastronom, ein Spaßvogel aus Anatolien, hat die Spielregeln sofort kapiert und ist schnell dabei Geschäfte zu machen. Er tanzt um seinen politisch korrekten deutschen Kunden wie ein Teufel um das goldene Kalb, bietet ihm sieben Sorten des besten türkischen Weins an, und stimmt ihm großherzig zu:

"Sie haben natürlich recht: Italienischen Wein zu trinken, während Berlusconi die Deutschen ständig beleidigt, das gehört sich einfach nicht."

Drei Flaschen hat der Wirt schon geöffnet und in drei eleganten Gläsern serviert. Der schmale Lehrer mit schütterem Haar und der Goldrand - Brille strahlt. Er kostet ein Glas nach dem anderen. Langsam, schluckweise, mit der Ruhe eines Kenners. Bei dem anatolischen Wein, Jahrgang 98 mit einem rot grünen Etikett verweilt er, kippt seinen Kopf nach hinten, lässt das Tröpfchen langsam von der Zunge auf die Kehle krabbeln, schluckt genüsslich und sucht nach Worten, die sein frisches Erlebnis beschreiben sollen. „Hervorragend!“ ruft er wie im Rausch. Der Wein sei ein purer Genuss. Rieche nach anatolischem Pfirsich und nach kurdischer Erde, meint der Lehrer.

„Ja, ja... ein Tropfen der reinsten Natur“, bestätigt der Türke.

“ Wie aus Tausend und einer Nacht.. „

Der Lehrer hätte nun auch gerne etwas zu essen.

„Etwas orientalisches, bitte“.

„Aber natürlich“ meint der Türke und holt seine Frau aus der Küche. Sie hat eine neue Frisur, kurze Schürze und ein kleines Heft in der Hand. In der letzten Zeit kommt sie öfter aus der Küche und trägt kein Kopftuch mehr. Nicht einmal in der Küche. Aber keine Sorge. Ein Haar in ihrer Suppe müsse man lange suchen, scherzt ihr Mann.

Aus Döner und türkischer Pizza macht sie jetzt ihre eigenen Kreationen. Sie hat sie z.B einfach mit Ajvar, Taramas und frischer Peperoni kultiviert und serviert sie jetzt auf feinem Porzellan mit goldenem Muster.

Dem Lehrer gefällt ihre neue Kebab - Version. Er lobt die pikante Soße und erst das Fleisch. Genau auf den Punkt gebracht, meint er. Sie lächelt. Der Türke strahlt. Er hat gewonnen.

„Der Lehrer hat natürlich recht," meint er. Italienischen Wein zu trinken, oder Pizza, Pasta und Co zu essen, während Berlusconi ständig die Deutschen beleidigt, das geht einfach nicht.“ Deswegen nimmt er seine Aufgabe, seine politisch korrekten deutschen Kunden zufrieden zu stellen und sie vor Berlusconi zu retten, wirklich ernst.


Auch aus dem Irak-Krieg habe er schon seinen Profit gezogen, erzählt er uns später grinsend.

“Kebab statt Hamburger!”, hieß seine Rettungsaktion. Der Umsatz in seiner Kebabbude am Marktplatz sei so rasant gestiegen, dass er weiter expandieren wollte. Nach Amerika. Die Überlegung war einfach: Amerika ist groß und es muss auch dort politisch korrekte Kunden geben. Die wegen Busch Kebab statt Hamburger essen wollen.

Doch seine Frau hat sich quer gestellt. "Amerika? Das kommt nicht in Frage!", wurde sie plötzlich böse. Sie mag es nicht, wenn ihr Mann so tut, als ob das Leben ein Kabarett wäre.

Als eine deutsche Anwältin einmal die Verletzung der Menschenrechte in der Türkei kritisierte, gab er sich als Kurde. Aber heute Abend ist es völlig egal, ob er Türke oder Kurde ist. Sein politisch korrekter deutscher Kunde differenziert jetzt auf einem ganz anderen Terrain. Er hat Berlusconi im Visier.

„Inschala!“ meint der Türke und serviert dem zufriedenen Lehrer noch einen Raki und einen türkischen Mocca. Auf Kosten des Hauses.


Ich musste mir damals auf die Lippen beißen. An Berlusconi dachte ich selten, und schon gar nicht, wenn ich Hunger hatte. Und ohne Pasta, Parma und Parmesan konnte ich mir meinen deutschen Alltag kaum vorstellen. Genauso wenig wie ohne Döner oder türkische Pizza.


Gott sei dank, mag ich keinen Hamburger. So konnte ich wenigstens Bush und seinen Irak-Krieg boykottieren. Und politisch korrekt bleiben, ohne auf leckere Speisen verzichten zu müssen.


Wodka grün

Nun stehe ich wieder vor einem neuen dicken Dilemma: vor einem grünem Wodka-Politikum.

Ich bin steif wie eine Kerze, fühle mich unsicher, weiß nicht, was ich mit dem Geschenk des grinsenden, grünen Mannes anfangen soll.



Warum Wodka? Warum jetzt? Was könnte die Message der Werbekampagne sein?

Wollen die Grünen Wodka, das inzwischen globale, hoch geschätzte Getränk, neu interpretieren, ihn grün veredeln? Wodka dem Putin, dem bösen Russen, enteignen? Ihn nun den Ukrainern geben? Oder Deutschen? Grünen Deutschen?

Selbst auf die „Political Correctness“ kann man sich nicht mehr verlassen. Eine seltsame Zeit voller Unsicherheiten und Wertedebatten…


Ich verstehe gar nichts mehr. Dieses politisch unkorrekte Spiel mit Wodka, für mich eine Quadratur des Kreises, muss mir jemand doch erstmal erklären, denke ich, als mein deutscher Mann plötzlich vor mir steht. Er wundert sich über meinen völlig verwirrten Gesichtsausdruck. Ich zeige ihm das grüne Fläschchen und zweifle an mir sehr laut:

„Bin ich vielleicht überangepasst? Katholischer als der Papst, politisch korrekter als Habeck und Anna-Lena? Oder haben die Grünen einen speziellen Sinn für Humor, den ich erst verstehen muss?“

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